Die biblische Basis: Leviticus 16
Die biblische Grundlage des Jom Kippur zeigt zunächst ein paradoxes Bild: Leviticus 16 liefert zwar eine genau Darstellung dessen, was an diesem Tag passieren soll, nennt jedoch den Namen Yom ha-Kippurim nicht; dieser fällt erst später, in Lev 23. Bei der herausragenden Bedeutung des Jom Kippur für den jüdischen Jahreszyklus ist es des Weiteren umso erstaunlicher, dass dieser Tag in den anderen Festkalendern der Bibel überhaupt nicht erwähnt wird. Für Galley ist vor allem der Sündenbock-Ritus ein Indiz dafür, dass es sich beim Jom Kippur dennoch um ein sehr altes Fest mit lang zurückreichender Tradition handelt. Interessant ist auch, dass die Beschreibung des Versöhnungstag-Rituals in Lev 16 nicht im Kontext der anderen Opfer- und Festgesetzte steht, sondern als Konsequenz des Todes zweier Söhne Aarons im Tempel eingeführt wird. Dass dieses Ritual jedes Jahr einmal wiederholt werden soll, erfährt der Leser erst ganz am Schluss in knapper Form. Wie auch Jürgens feststellt, erschließt sich das in Leviticus 16 beschriebene Ritual dem vom westlichen Denken geprägten Leser nur sehr schwer. Um sich klar zu machen, welche Bedeutung der Jom Kippur in sich trägt, ist jedoch ein Blick auf diesen Text unerlässlich.
Das Ritual besteht aus zwei Komplexen: im ersten Teil geht es um ein Blutritual zur Reinigung des Heiligtums, der Priesterschaft und der Gemeinschaft Israels. Da das Volk Israel in der unmittelbaren Nähe des Heiligen lebt, seit Gott seine Wohnstatt im Offenbarungszelt genommen hatte, ist es in besonderer Weise verpflichtet, ebenfalls heilig zu sein, damit die lebensspendende Kraft der Gegenwart Gottes nicht ins Gegenteil umschlägt. Die Sammlung von Reinigungsvorschriften im Buch Leviticus zeigt aber, dass die Möglichkeit, dass Israel auch mit Unreinheit in Kontakt kommt, bewusst mit einbezogen wird. Solche Verunreinigungen können ohne Zutun des jeweiligen Menschen geschehen, wie bei Geburt und Menstruation, aber auch zum Beispiel durch die Aufnahme ungeeigneter Nahrung. Nur wenn alle diese verborgenen und offenkundigen Unreinheiten, die sich im Laufe des Jahres im Volk Israel ansammeln, immer wieder gesühnt werden, ist nach der priesterlichen Theologie des Buches Leviticus ein Leben in der Nähe des Heiligen möglich. Zum Zweck dieser Sühne werden am Versöhnungstag ein Jungstier und ein Ziegenbock geschlachtet, deren Blut Aaron bis ins Allerheiligste trägt und dort verspritzt. Das Blut, als ein von Gott selbst gegebenes Sühnemittel, hat, wenn es auf den Altar und die Deckplatte, den Ort der Gegenwart Gottes gespritzt wird, eine sühnende Wirkung für die gesamte Gemeinschaft Israel. Gleichzeitig wird mit diesem Blutritus der Tempel, der Ort der höchsten Reinheit, von allen störenden und gefährlichen Unreinheiten befreit, so dass man hier ein Indiz für die Legitimation der Theorie von Mary Douglas sehen kann: die Ordnung wird wieder hergestellt, indem das, was nicht in den Tempel gehört, von dort entfernt wird. So soll mögliches Unheil von Israel abgehalten und ein Zustand erreicht werden, in dem die Menschen gefahrlos in der Nähe Gottes leben können.
Den zweiten Teil des Versöhnungstages bildet das so genannte Sündenbockritual. Gemeinsam mit dem Ziegenbock, der bereits geschlachtet wurde und dessen Blut Aaron ins Heiligtum gebracht und dort verspritzt hat, ist noch ein zweiter Bock zum Offenbarungszelt geführt worden. Per Los wurde entschieden, welcher von ihnen „für den Herrn" ist und geschlachtet wird und welcher „für Asasel". Der Bock, auf den das Los „für Asasel" fiel, wird nun mit den Sünden des Volkes Israel beladen, indem Aaron seine Hände auf den Kopf des Tieres legt. Anschließend wird er in die Wüste getrieben, wobei er die Sünden mit sich fortnimmt, sie also aus der Gemeinschaft entfernt. Der Name Asasel bezeichnet hier in Lev 16 ursprünglich einen Wüstendämon, der, im Gegensatz zu JHWH, das Chaos und den Tod repräsentiert. Die Sünde und die Unreinheit als Manifestationen des Chaos werden durch den Ziegenbock demnach wieder an ihren Ursprungsort zurückgetragen. Indem Asasel das, was zu ihm gehört, wieder bekommt, wird also auch hier, ganz im Sinne des Ansatzes von Douglas, die richtige Ordnung der Dinge wieder hergestellt.
Dieser sehr auf den Tempel zentrierte Ritus musste nach der Zerstörung des Heiligtums 70 n. Chr. völlig neu definiert werden, um seinen Sinn und seine Berechtigung im jüdischen Kalender zu behalten. Es gab nun kein Allerheiligstes mehr, das es zu reinigen galt, keinen Ort der Gegenwart Gottes, an dem die Sünden Israels gesühnt werden konnten. Doch obwohl Israel nun nicht mehr in der unmittelbaren, räumlichen Nähe Gottes lebte, erhielt sich andererseits das Bewusstsein, auf die ständige Versöhnung und Reinigung angewiesen zu sein. Beigetragen zu diesem Bewusstsein hatten vor allem die Niederlagen der jüdischen Aufstandsbewegung, die großen Verluste in der Bevölkerung und die Zerstörung des zweiten Tempels, so dass sich die rabbinischen Theologen vor die Aufgabe gestellt sahen, den Jom Kippur-Ritus an die Lehrhäuser und Synagogen zu adaptieren. Zu diesem Zweck überführten sie die Handlungen des Priesters im Tempel von der praktischen auf die narrative Ebene: da der Tempelritus nun nicht mehr vollzogen werden konnte, wurde die Avoda, die vom Priester auszuführende Handlung, im feierlichen Zusatzgottesdienst des Jom Kippur rezitiert und an besonders bedeutsamen Stellen szenisch dramatisiert. Sowohl in der Mischna, als auch im Talmud, dort besonders im Traktat Joma, sind detaillierte und emotional sehr aufgeladene Schilderungen der Avoda zu finden, wie sie, der Erinnerung der Rabbinen zufolge, zur Zeit des Zweiten Tempels ausgeführt wurde. Parallel zu dieser narrativen Ausgestaltung veränderte sich auch die Teilnahme der jüdischen Gemeinde an diesem Fest. Als Folge des tiefen Bewusstseins vieler Juden, auf die Entsühnung durch Gott angewiesen zu sein, intensivierten sich auch die Bußübungen des ganztägigen Gebets und das Fasten. So trat nach dem Verschwinden des priesterlichen Rituals die Verantwortlichkeit des Einzelnen für seine Entsühnung mehr in den Vordergrund.
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