II. Die Praxis: Jom Kippur
Um sich der Bedeutung des großen Versöhnungstages nähern zu können, ist zuerst ein kurzer Blick auf seinen Platz im Ablauf des jüdischen Jahres notwendig. Gefeiert wird Jom Kippur am zehnten Tischri, zehn Tage nach dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Zwischen diesen beiden Feiertagen liegt eine Zeit der Buße und der Besinnung. Schon an Rosch ha-Schana selbst ist der Blick auf den kommenden Versöhnungstag gerichtet, denn schon an diesem Tag, dem „Tag des Gedenkens", öffnen sich im Himmel die Bücher. In einem Buch sind die Namen und Taten der Menschen eingetragen, in ein anders wird Gott das Schicksal eines jeden Einzelnen für das nächste Jahr niederlegen. Zehn Tage lang hat der Mensch nun Zeit, Einfluss auf das zu nehmen, was über ihn in den Büchern stehen wird, welches Urteil Gott über ihn verhängen wird, denn erst am Jom Kippur schließen sich die himmlischen Bücher wieder. Um die Menschen auf ihre Chance aufmerksam zu machen, um sie wachzurütteln, wird an Rosch ha-Schana, in manchen Gemeinden auch schon in den Betstunden des Monats Ellul, das Schofar geblasen. Die kommenden zehn Tage bis zum Jom Kippur stehen dann unter dem Zeichen der Aussöhnung des Menschen mit sich selbst, mit Gott, aber vor allem mit seinen Nächsten. Streitigkeiten sollen beigelegt und Missverständnisse ausgeräumt werden. Wem von seinen Mitmenschen nicht verziehen wurde oder wer denen, die ihm Unrecht getan haben nicht vergibt, kann am großen Versöhnungstag auch keine Aussöhnung mit Gott erhoffen. Der Frieden der Menschen untereinander ist die Voraussetzung für den Frieden der Menschen mit Gott. Aus diesem Grund ist Jom Kippur nicht allein auf das Geschehen am zehnten Tischri selbst zu beschränken, sondern muss in seinem Kontext zu Rosch ha-Schana und den zehn Tagen der Buße zusammen gedacht werden.
Mit Jom Kippur, oder hebräisch Yom ha-Kippurim, schließt sich an die zehn Bußtage der höchste Feiertag des jüdischen Festkalenders an. Nach der Haggadah ist der zehnte Tischri der Tag, an dem Moses die Gesetzestafeln übergeben wurden und auch der Tag, an dem Abraham bereit war, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Es ist der einzige Festtag, der auch in der Diaspora nur eintägig begangen wird. De Vries bezeichnet Jom Kippur als den Sabbat des ganzen Jahres: wie an jedem Sabbat lege der Mensch an diesem Tag seinen „Herrscherstab" nieder und werde sich seiner Rolle als Diener Gottes bewusst. Wenn der Mensch an Jom Kippur seine Arbeit ruhen lässt und vor Gott tritt, lägen zudem noch seine Taten und Untaten des vergangenen Jahres zur Prüfung vor. Im Unterschied zum wöchentlichen Sabbat ist der Versöhnungstag auch nicht vom Gedenken an die Fülle, die Gott den Menschen geschenkt hat, geprägt, sondern vom Fasten, Verzichten und der Hoffnung auf Gottes Gnade. Auch wenn dieser Tag ein Feiertag ist, an dem alle Arbeit untersagt ist, ein Schabbat-Schabbaton, so soll doch die Seele der Menschen betrübt sein. Was genau damit gemeint ist, wird in der Tora selbst nicht näher erklärt, doch Passagen anderer Schriften sprechen explizit vom Fasten. Fasten meint an Jom Kippur neben dem völligen Verzicht auf Essen und Trinken für ca. 25 Stunden auch die Enthaltung von Körperpflege, das Nichtbenutzen von Lederschuhen und den Verzicht auf Geschlechtsverkehr. Waschen ist nur in dem Maße erlaubt, wie es dazu dient, die Mindestanforderungen von Hygiene zu gewährleisten. Anstatt der Lederschuhe werden an diesem Tag Filzpantoffeln getragen. Das Gebot, am Versöhnungstag keine Lederschuhe zu tragen, ist das einzige, was auch schon für jüdische Kinder gilt, die von den sonstigen Enthaltungen ausgenommen sind.
Da es in dieser Analyse um die ritualtheoretische Erfassung des Jom Kippur geht, soll im Folgenden der Ritus dieses Tages nachvollzogen werden. Ihren Ausgang wird diese Betrachtung bei den biblischen Grundlagen nehmen, um dann die Entwicklung des großen Versöhnungstages durch die jüdische Geschichte hindurch bis in die Gegenwart zu verfolgen.
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