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Jom Kippur und der Ritualbegriff

Entsprechend den im vorangehenden Kapitel geäußerten Gedanken, soll in der folgenden Analyse die begriffliche Trennung zwischen Ritual und Ritus insoweit eingehalten werden, als dass - sowohl bei der Betrachtung von Lev 16 als auch beim heutigen Jom Kippur - nur der gesamte Tagesablauf als Ritual bezeichnet wird. Alle Einzelhandlungen aus denen sich dieser Ablauf zusammenfügt, werden Riten genannt.

Im Hinblick auf die Frage nach der Etymologie des Wortes selbst, gibt auch der Blick auf das Versöhnungstagritual keinen näheren Aufschluss, da sich beide Herleitungsmöglichkeiten daraus plausibel erklären lassen. Mit Mary Douglas ließe sich, wie bereits oben erwähnt, für die Abstammung vom Sanskritwort „rta" argumentieren, der Versöhnungstag versetze Mensch, Gemeinschaft und Heiligtum wieder in einen reinen Status, indem er Dinge, die die Ordnung stören, entferne. Die Nähe Gottes im Tempel und auch im Volk Israel bedeutet Leben und deshalb dürfen diese „Orte" nicht mit Elementen in Berührung kommen, die Tod oder Krankheit – also ein Minus an Leben – bedeuten. Wenn dies doch geschieht, entstehen Unordnung und Chaos, die durch das Ritual beseitigt werden müssen. Doch mit Blick auf die lange Reihe von Riten, die am Versöhnungstag im Alten Testament wie auch heute nacheinander durchgeführt werden, ließe sich ebenso die Abstammung vom indogermanischen „ri" erklären, denn gerade dieser Handlungsverlauf macht das Spezifikum des Rituals aus.

Ein besonders interessanter Punkt auf der begriffs-theoretischen Ebene ist die Verbindung von Ritual und Mythos in der Jom Kippur-Zeremonie. Während beim Versöhnungstagritual in Lev 16 selbst der Mythos keine herausragende Rolle spielt, tritt er in der Zeit nach der Zerstörung des Tempels in den Mittelpunkt der Feier. Das alttestamentliche Ritual, das von Aaron vollzogen wird, wandelt sich durch die veränderten äußeren Umstände und wird selbst zum Mythos. Die Rezitation der Avoda ersetzt den Vollzug derselben. Auch wenn Jom Kippur ein Tag voller Riten blieb, das Herz des Rituals wurde von der praktischen auf die narrative Ebene verschoben. Das Ritual wie es in Lev 16 beschrieben wird, gibt es nicht mehr und kann es ohne Tempel auch nicht mehr geben. An seine Stelle ist ein neues Ritual getreten – sozusagen ein Meta-Ritual: die Rezitation der Avoda. Die Verbindung zwischen Mythos und Ritual ist deshalb an Jom Kippur besonders eng, weil der Mythos für heutige Juden die Verbindung zum Ursprung des Rituals herstellt und der Versöhnungstag ohne ihn seine Mitte und seine Wurzel verlieren würde. Und so lässt sich das Verhältnis der beiden Kategorien zueinander auch nicht auf einen Grundtypus der Bezugnahme beschränken: am deutlichsten ist zwar die Bezugnahme durch Rezitation des Mythos im Ritual, aber auch die Dramatisierung des Mythos durch das Ritual lässt sich in modernen Jom Kippur-Feiern gut erkennen, denn die Rezitation der Avoda wird von der Gemeinde mit rituellen Handlungen begleitet und untermalt. So zum Beispiel durch das sonst unübliche Niederknien vor dem offenen Toraschrank, welches die Gemeinde immer dann wiederholt, wenn im vorgetragenen Text davon berichtet wird, dass sich das Volk Israel zu Boden warf, wenn Aaron aus dem Allerheiligsten kam und den Namen des Ewigen aussprach. So wurde also, auch wenn das eigentliche Ritual nicht mehr vollzogen wird, dessen Nacherzählung ihrerseits mit Riten verknüpft, so dass sich die Rezitation selbst zu einem Ritus mit festem Ablauf entwickelt hat.

Veränderungen und Entwicklungen lassen sich auch in Bezug auf den Teilnehmerkreis und den Grad der Öffentlichkeit des Rituals feststellen. In Lev 16 handelt bis auf wenige Ausnahmen alleine der Priester, das Volk ist zwar anwesend, spielt aber keine aktive Rolle. Aaron sühnt stellvertretend für alle. Daraus lässt sich einerseits erkennen, dass es sich in sehr extremer Weise um einen öffentlichen Ritus handelt, bei dem zumindest der Idee nach das ganze Volk versammelt ist. Des weitern wird aber auch das Charakteristikum solcher öffentlichen Riten sehr deutlich: es geht nicht um bestimmte Wünsche oder Anliegen des Einzelnen – es gibt überhaupt keinen individuellen Teil in diesem Ritual -, sondern es geht um das Wohl der ganzen Gemeinschaft. Ganz Israel muss rein werden, um in der Nähe Gottes leben zu können. In den Kapiteln des Buches Levitikus, die sich mit den Reinigungsvorschriften nach bestimmten Arten der Verunreinigung beschäftigen, geht es um den konkreten Einzelfall. Hier, am großen Versöhnungstag, geht es um überindividuelle Reinigung. Herausragendes Symbol für diese Überindividualität ist der Priester, der als „Kultspezialist" stellvertretend für alle handelt. Dieser Gedanke der Kollektivität ist auch im heutigen Jom Kippur-Ritual vor allem im Sündenbekenntnis erhalten. Jeder bekennt sich aller vierundvierzig Sünden schuldig, auch wenn er selbst manche davon nicht begangen hat. Auch hier geht es um überindividuelle Schuld. Das Volk Israel als Ganzes hat sich allen aufgezählten Sünden schuldig gemacht und deshalb bitten alle um Verzeihung. Und dass es sich bei ‚allen’ nicht um einen ausgewählten Kreis handelt, zeigt die traditionelle Erlaubnis, an diesem Tag mit allen gemeinsam beten zu dürfen. Doch im Allgemeinen lässt sich im modernen Ritus eine deutliche Tendenz zur Individualisierung erkennen, wohl auch, weil es nicht mehr den Ort gibt, wo das Volk Israel sich versammelt und nicht mehr den Priester, der es vertreten kann. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für sein Schicksal tritt mehr in den Vordergrund, individuelle Handlungen wie z.B. Gebete für verstorbene Verwandte, nächtliches Verweilen in der Synagoge und nicht zuletzt das Fasten, prägen den Ablauf der Jom-Kippur-Feier. Nicht mehr der Priester als Kultspezialist lädt dem Sündenbock alle Schuld Israels auf und schickt ihn damit in die Wüste. Jeder und jede Einzelne muss sich entscheiden, wie er mit den Fehlern des vergangenen Jahres umgehen möchte. Dass das Wohl Israels als heiligem Volk zu Gunsten des Einzelnen mehr in den Hintergrund tritt, ist wohl die Schlussfolgerung, die aus ritualbegrifflicher Sicht aus dieser zunehmenden Privatisierung zu zeihen wäre. Nichtsdestotrotz blieb Jom Kippur immer ein Fest, das man nicht alleine mit der Familie beging, sondern dessen Zentrum wie bei keinem anderen Fest die Synagoge war und das deshalb immer in einem, wenn auch eingeschränkten, öffentlichen Kreis gefeiert wurde.