Jom Kippur und die Ritualtheorien
Der Teilnehmerkreis und der Grad der Öffentlichkeit eines Rituals ist, wie Wallace deutlich machte, ein starker Indikator für dessen Zielrichtung. Bei dem Versuch, den Jom Kippur in eine der fünf Kategorien einzuordnen, die Wallace aus dieser Überlegung gewann, stellt man jedoch schnell fest, dass sich dieser Ansatz zur Erfassung des Versöhnungstages nur bedingt eignet: es handelt sich weder um ein Ritual mit dem Ziel der Umweltbeherrschung, noch soll die Gesundheit von jemandem verbessert oder verschlechtert werden. Auch die Werte und Empfindungen der israelitischen Gesellschaft werden durch das Ritual nicht beeinflusst. Eher schon könnte man den Jom Kippur zu den Erlösungsritualen zählen, obwohl auch hier – vor allem mit Blick auf den biblischen Ritus - Zweifel angebracht sind, da Erlösung ein Handeln Gottes bedeuten würde, es an Jom Kippur aber der Priester ist, der Tempel und Volk reinigt. Der heutige Versöhnungstag ließe sich dieser Kategorie vielleicht am ehesten zuordnen. Auch Wallace letzte Kategorie, Rituale mit dem Ziel der Revitalisierung, passt nur bedingt, da er diese Wiederbelebung auf das Sozialsystem beschränkt, es am Versöhnungstag vor allem in Lev 16 aber vorrangig um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott geht. Mit dieser Einteilung ist also das Spezifische des Versöhnungstages nur sehr schwer zu erfassen, weil sich das Ritual keiner der Kategorien einwandfrei zuordnen lässt.
Genau anders herum verhält es sich mit den vier Kategorien die Thiel – ebenfalls unter der Leitfrage nach der Zielsetzung- entwickelt hat. Erscheint Wallace’ Einteilung zu sehr auf den Einzelfall abgestimmt und deshalb zu eng gefasst, sind Thiels Grundtypen so allgemein gehalten, dass sich der Jom Kippur jeder von ihnen mehr oder weniger problemlos zuordnen lässt. Er erfüllt die Merkmale der apotropäischen Riten, da Gefahr vom Einzelnen oder von der Gemeinschaft abgehalten werden soll, die mit dem Leben in der Nähe Gottes verbunden ist. Der an Jom Kippur traditionell geäußerte Wunsch „Mögest du für ein gutes Jahr eingeschrieben werden" zeigt, dass dieses Motiv auch heute noch eine große Rolle spielt und es auch weiterhin darum geht, schon im Voraus mögliches Unheil im kommenden Jahr abzuwehren. Die Vertreibung des schuldbeladenen Sündenbocks in Lev 16 macht aber auch deutlich, dass sich der Versöhnungstag ebenso zu den Eliminationsriten zählen ließe, die bereits bestehende Bedrohungen vernichten sollen. Dadurch, dass dieser Ritus heute nicht mehr praktizierbar ist und nur noch zitiert wird, ist der Gedanke der Elimination heute nicht mehr so zentral wie es in Zeiten des Tempels wohl der Fall war. Die Purifikationsriten gehören heute wie damals zum Zentrum des Versöhnungstags. Zwar fallen die Riten tatsächlicher körperlicher Reinigung, die im Tempelritual vom Priester noch vollzogen wurden heute weg, doch die Zielsetzung der ‚seelischen Reinigung’ ist dieselbe geblieben. Schuld und Unreinheit, die laut Gorman aus einer Verwirrung der Kategorien herrührt, werden durch das Blut der Opfertier, bzw. durch Fasten und Gebet ‚abgewaschen’, so dass der Mensch wieder frei ist, um in den Kontakt mit Gott zu treten. Zeichen für diese innere Reinigung ist heute vor allem auch die zehntägige Bußzeit vor Beginn des Jom Kippur, die aber auch schon erahnen lässt, dass sich der Begriff von ‚Unreinheit’ im Laufe der Zeit gewandelt hat, wovon später noch näher die Rede sein soll.
Wie schwierig die Zuordnung ist, lässt sich beispielhaft an einem einzelnen Element nachvollziehen: dem Kol Nidre. Wird es in aramäischer Sprache gebetet, bezieht es sich auf die Versprechen des kommenden Jahres und wäre somit zu den apotropäischen Riten zu zählen. In hebräischer Sprache allerdings geht es um die Versprechungen des vergangenen Jahres. Sind diese Versprechen im vergangen Jahr gebrochen worden, ist das Unheil also schon eingetreten und soll nun durch einen Purifikationsritus beseitigt werden. Zu der Komplexität des Ritus tritt hier also zusätzlich noch das Moment regionaler Unterschiede in der Ausführung.
Vor allem Benedikt Jürgens sieht den alttestamentlichen Jom Kippur aber auch als ein großes Übergangsritual. Als Belege für diese These führt er die von Aaron vorzunehmenden Waschungen und Kleiderwechsel zu Beginn und am Schluss des Rituals an, die er mit van Gennep als rite de séparation, bzw. als rite d’agrégation interpretiert. Zwischen diesen beiden Übergangsstadien liegt eine Grenzüberschreitung in den Bereich JHWHs, das Allerheiligste hinein, die Aaron nur auf Grund der vorherigen Trennung von seinem alten Status vollziehen kann. Es fällt jedoch auf, dass sich der Versöhnungstag als rite de passage keinem der von Thiel genannten Beispiele wie Ortswechsel, Statusveränderung oder Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt zuordnen lässt, da es sich nicht um eine dauerhafte Veränderung handelt. Der Versöhnungstag frischt einen alten Zustand, den der Reinheit und Heiligkeit des Volkes Israels, wieder auf. Da dieser Zustand aber nicht dauerhaft gewahrt werden kann, bedarf es einer jährlichen Wiederholung. Man kann Jürgens also insofern zustimmen, dass innerhalb des Jom Kippur-Rituals ein Übergangsritus stattfindet. Dieser betrifft allerdings nur den Priester und ist auch nicht das eigentliche Ziel des Rituals, sondern nur der notwendige Weg zur angestrebten Reinigung.
Dementsprechend spielt sich auch kein „soziales Drama" im Sinne Viktor Turners ab, denn die Grenzüberschreitung bezieht sich nicht auf gesellschaftliche Grenzen, sondern auf den Übertritt in die „Sphäre des Heiligen". Die Ordnung wird nur insofern aufgehoben, als dass Aaron kurzzeitig einen Bereich betritt, in den er eigentlich nicht hinein gehört. Die gesellschaftliche Ordnung, die Turner beim sozialen Drama im Blick hatte, bleibt unangetastet, das Ritual dient nicht zur Entladung sozialer Spannungen.
Auch im modernen Jom Kippur-Ritual finden sich noch Spuren eines solchen Übergangsrituals, eines rite d’entrée, wie Benedikt Jürgens es versteht. Entsprechend der Tendenz zur Individualisierung und Selbstverantwortung sind es heute nicht mehr nur die ‚Kultspezialisten’, die diesen vollziehen, sondern die ganze Gemeinde: alle Gläubigen kommen an diesem Tag vollkommen in weiß gekleidet zur Synagoge und verzichten auf Nahrung, Getränke und sonstigen körperlichen Luxus. Gerade das Fasten bedeutet einen besonders starken Bruch mit der Alltagswelt. Ob das Verzichten eher eine Erhöhnung des Menschen und eine Konzentration auf seine göttliche Seite darstellt, wie de Vries meint oder den Menschen an seine Unbedeutsamkeit und seine unbedingte Abhängigkeit von Gott erinnern soll, muss hier dahingestellt bleiben. Auch durch die Kleiderwahl tritt man aus dem Alltag heraus und hinein in eine Zeit, in der es nur um die Beziehung zu Gott gehen soll. Die symbolträchtige Farbe weiß lässt dabei viele Interpretationen zu: weiße Gewänder als bewusste Anknüpfung an die Leinenkleidung Aarons am Versöhnungstag, als Ausdruck der Hoffung auf Vergebung Gottes und eine neue Unschuld, aber auch als Selbsterniedrigung durch völligen Verzicht auf Luxus. Dass Kantor und Rabbiner zu dieser Gelegenheit oft schon ihre Totenkleidung tragen, zeigt aber, dass auch noch ein anderer Deutungsansatz mit in den Blick genommen werden muss: weiße Bekleidung als ein ‚memento mori’, als ein Gedenken sowohl des eigenen Todes, als auch des Todes von Verwandten und Freunden. Durch eine solche Interpretation würden auch andere Elemente des Jom Kippur, wie das Kerzenanzünden für Verstorbene oder das Gebet für die toten Eltern, in einen größeren Deutungszusammenhang mit einbezogen. Die weiße Kleidung aber verlöre dann ihren Charakter als Übergangsritual und würde alleine als Gedenk- und Mahnzeichen fungieren. Ritualtheoretisch schlüssiger ist deshalb eine andere Interpretation: die Totenkleidung als Zeichen für den symbolischen Tod des Initianten im Übergangsritual. Laut Viktor Turner erleben die Neophyten zwischen Trennungs- und Angliederungsritual oft eine Phase, in der sie für die anderen Mitglieder der Gemeinschaft tot sind, um dann in einem neuen Status regelrecht neu geboren werden zu können. Rabbiner und Kantor treten nach den 10 Tagen der Vorbereitung und Buße aus der Welt heraus, um am Abend des Jom Kippur befreit von ihrer Schuld und voller Hoffnung auf ein gutes neues Jahr ‚wiedergeboren’ zu werden. Sicherlich ist es hier nicht berechtigt, nach der einzigen Erklärung zu suchen. Die Antwort wird viel mehr in einer Melange aus unterschiedlichen Motivationen liegen.
Inwieweit Mary Douglas’ Ansatz den alttestamentlichen Versöhnungstag zu erfassen vermag, ist bereits mehrfach angesprochen worden. In welchem Maße er sich zur Erklärung des modernen Jom Kippur eignet, hängt zum großen Teil davon ab, ob man die zu büßende Schuld wie im Alten Testament noch immer in einer Verwirrung der Kategorien sieht. Das Sündenbekenntnis scheint eher in eine andere Richtung zu deuten, denn was dort gebeichtet wird, sind größten Teils keine rituellen Verstöße gegen Reinheitsgebote oder Verunreinigungen eines heiligen Bereiches. Es sind vor allem Fehler, die im zwischenmenschlichen Bereich begangen werden, wie Gewalt, Betrug und Spott. Dieselbe Deutung legt auch – wie oben schon erwähnt - das Ritual der zehntägigen Bußzeit nahe, in denen die Aussöhnung mit den Mitmenschen im Zentrum steht. Geht man auf Grund dieser Beobachtungen von einem Wandel im Sündenbegriff hin zu sozialen Verfehlungen aus, erscheint die Theorie von Douglas für den Jom Kippur heute nur noch von geringer Aussagekraft zu sein.
Ganz zum Schluss sei hier noch der Ansatz von Catherine Bell erwähnt, den auch Jürgens für seine Überlegungen heranzieht. Sie unterscheidet in ihrem Hauptwerk „Ritual" zwischen sechs Typen von Ritualen: rites of passage, calendrical rites, rites of exchange and communion, rites of affliction, feasting fasting and festivals and political rites. Laut Jürgens ließe sich Jom Kippur sowohl bei den kalendarischen Riten einordnen, weil er sich jährlich wiederholt, als auch bei den ‘rites of affliction’, weil nach dem Tod der beiden Söhne Aarons im Tempel eine Reinigung des Heiligtums notwendig wurde. Da sich Jom Kippur darüber hinaus auch den Fasten-Ritualen zuordnen ließe, zeigt sich auch hier, dass es bisher nicht möglich scheint, den Versöhnungstag klar einem Ritualtyp zuzuordnen. Vielmehr erfassen die verschiedenen Theorien jeweils Teilstücke des Ganzen. Doch manche zentrale Kategorien des Rituals, wie die Selbsterniedrigung durch Buße und Fasten oder das Totengedenken, lassen sich nur mit Mühe in die Theorien einpassen.
Der Grund für die Probleme bei der genauen ritualtheoretischen Zuordnung des Jom Kippur liegt in seinem großen Umfang und der Vielfalt seiner Elemente. Sowohl in Lev 16 wie auch heute setzt sich der Versöhnungstag aus einer Vielzahl kleinerer Riten zusammen, die alle zusammengenommen in ihrem festgelegten Ablauf das Charakteristikum dieses Tages ausmachen. Einzeln betrachtet lassen sich diese Riten meist ohne Probleme einer Kategorie innerhalb der verschiedenen Theorien zuordnen. Doch weil sie untereinander so verschieden sind, völlig unterschiedliche Ziele verfolgen, ist es bei dem derzeitigen Stand der Ritualtheorien nicht möglich, sie widerspruchsfrei in einer Theorie zusammenzufassen.
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