Schlussbetrachtung
Wenn es das erklärte Ziel der Ritualtheoretiker war und ist, Grundmuster aufzuzeigen, die sich in den Ritualen unterschiedlicher Kulturen wiederfinden und diese so vergleichbar werden lassen, haben sie dies mit Blick auf den großen Versöhnungstag nicht hundertprozentig erreicht. Theorien wie die von Viktor Turner und Mary Douglas, die sich aus der Beobachtung der Praxis eines bestimmten Rituals ableiteten, lassen sich nur schwer eins zu eins auf andere Rituale übertragen. Und auch die Parameter, die die anderen Theorien geliefert haben, ermöglichen keine direkte Parallelisierung mit Feiertagen in anderen Religionen und Kulturen.
Eines aber haben die Ritualtheorien bei der Analyse des Jom Kippur auf jeden Fall geleistet: sie haben den Blick für seinen Facettenreichtum und seine historische Wandelbarkeit geöffnet. Dadurch, dass keine Theorie allein sich als fähig erwiesen hat, den Versöhnungstag als Ganzes schlüssig zu erfassen, haben sie alle zusammen deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Bestandteile, die Riten sind, aus denen sich das große Ritual zusammensetzt.
Dieses Analyseergebnis wirft natürlich die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, den Jom Kippur als ein großes Ritual zu betrachten, oder ob es angesichts seiner Heterogenität nicht klüger wäre, die einzelnen Elemente für sich als abgeschlossenes Ritual anzusehen. Dass dies hier nicht gemacht wurde, liegt vor allem daran, dass der Versöhnungstag in der Empfindung der Gläubigen eine große Einheit ist, so zerstückelt er ritualtheoretisch auch wirken mag. Und das zeigt, dass der ritualtheoretische Blick wohl doch nicht genau erklären kann, was das besondere an diesem Feiertag ist, weil er sich zu sehr in den Einzelheiten verliert oder zu krampfhaft versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Die Einheit des Versöhnungstages bei gleichzeitiger Betonung jedes Ritus’ ergibt sich nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis. Der gelebte Glaube der Menschen, gibt dem Tag seinen Sinn und seine Bedeutung. Und das hat wohl auch Franz Rosenzweig gespürt, als er an Jom Kippur die kleine Synagoge in Berlin betrat.
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