Die Theorie: Von Thiel bis Douglas

Nun war im Vorangehenden schon häufig vom ‚Jom Kippur-Ritual’ und von bestimmten ‚Riten’, die an diesem Tag vollzogen werden, die Rede. Da die vorliegende Arbeit den Versöhnungstag anhand der zentralen religionswissenschaftlichen Kategorie des Rituals beleuchten möchte, sollen diese Begriffe nicht unkommentiert stehen bleiben. Um Paradigmen für die folgende ritualtheoretische Analyse zu bekommen, soll nun im nächsten Schritt der Begriff ‚Ritual’ näher beleuchtet und anschließend die wichtigsten und für die spätere Betrachtung relevanten Ritualtheorien vorgestellt werden, ohne dass dabei auch nur annähernd der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.

Zuallererst ist es sinnvoll, zwischen den Begriffen ‚Ritus’ und ‚Ritual’ zu differenzieren, auch wenn beide in der deutschen Sprache seit dem 18. Jahrhundert synonym gebraucht werden: ‚Ritus’ soll hier den kleinsten Bestandteil heiliger Handlungen bezeichnen, während ‚Ritual’ für das sich aus einzelnen Riten aufbauende Gesamtgeflecht steht. Das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe definiert Ritual als „Oberbegriff für religiöse Handlungen, die zu bestimmten Gelegenheiten in gleicher Weise vollzogen werden, deren Ablauf durch Tradition oder Vorschrift festgelegt ist, und die aus Gesten, Worten und dem Gebrauch von Gegenständen bestehen mögen". Der Begriff ‚Ritual’ erfasst dabei sowohl die wirklich stattfindende Handlung, als auch die für sie maßgebenden Regeln. Bis heute nicht endgültig geklärt ist die etymologische Herkunft des lateinischen Wortes ‚ritus" oder ‚ritualis’. Eine der beiden Möglichkeiten, die immer wieder in Betracht gezogen werden, ist die Ableitung vom Sanskrit-Wort ‚rta’, welches übersetzt ‚Ordnung’ oder ‚Gesetzmäßigkeit’ bedeutet. Rituelles Handeln wäre also das Handeln gemäß einer Ordnung. Diese Möglichkeit scheint vor allem auch deshalb attraktiv, weil sich hier offensichtliche Anknüpfungspunkte zu Mary Douglas’ Theorie ergeben würden: das ordnungsgemäße, rituelle Verhalten strukturiert das Chaos der Welt und verwandelt Unordnung in Ordnung. Das Ritual wäre also eine dynamische Erweiterung des Douglasschen Schemas. Eine andere Möglichkeit ist jedoch, dass sich ‚ritualis’ vom indogermanischen Wort ‚ri’ ableitet, welches in etwa die Bedeutung ‚fließen’ gehabt haben dürfte und damit auf einen Verlauf, eine Handlungsabfolge hinweisen könnte.

Lange wurde das Wort ‚Ritual’ nur in der Sakralsprache gebraucht, so zum Beispiel in der lateinischen Kirchensprache, wenn es um den christlichen Gottesdienst ging. Erst der Psychologe Freud und der Zoologe Huxley begannen, den Begriff zu säkularisieren, indem sie ihn für Zwangshandlungen neurotischer Patienten bzw. für das angeborene Signalverhalten von Tieren gebrauchten. Diese Erweiterung des Ritualbegriffs hat in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu wachsendem Interesse der Religionswissenschaft und besonders der Religionsethnologie an dieser Kategorie geführt. Mit der Säkularisierung war jedoch auch der Weg geebnet zu einem oft schon inflationären Gebrauch des Wortes in der Umgangssprache.

Für die Analyse des Jom Kippur-Rituals ist ein weiterer Punkt von großer Bedeutung: die Verbindung zwischen Ritualen und Mythen. Hock unterscheidet in seiner „Einführung in die Religionswissenschaft" zwischen diesen beiden Kategorien, weil die Mythen auf der verbalen, die Riten aber auf der praktischen Ebene angesiedelt sind. Dies bedeutet jedoch keine strikte Trennung zwischen den beiden. Ganz im Gegenteil: Mythos und Ritual verweisen, dass wird in der Analyse des Jom Kippur deutlich werden, aufeinander. In ihrer Bezugnahme aufeinander lassen sich vier Grundtypen unterscheiden: die Dramatisierung des Mythos durch das Ritual, die Rezitation des Mythos im Rahmen des Ritualvollzugs, die Auslegung eines Rituals durch einen Mythos und die Begründung des Vollzugs eines Rituals durch einen Mythos.

Kennzeichnend für Rituale ist vor allem ihre Stereotypie. Diese manifestiert sich unter anderem im häufigen Wiederholen gleich bleibender sprachlicher Äußerungen und Gesten. Die im Ritual gesprochene Sprache ist keine spontane, sondern eine von festen Redewendungen geprägte. Auf Grund dieser Formalisierung können Handlungen und Äußerungen im Ritual nur bedingt als spontane Gefühle interpretiert werden. Viel eher sind sie „gebändigtes Gefühl", in dem die ‚richtige’ Einstellung zum Gegenstand des Rituals musterhaft gezeigt wird. Auffälliges Charakteristikum vieler Riten ist außerdem die aufwendige Ausgestaltung jedes einzelnen Elements. Jede Handlung, jede Äußerung kann in dramatischer Weise gestaltet werden und die lange Dauer, sowie die beeindruckende Pracht des Gesamtrituals steigern in den Augen der Teilnehmer oft dessen Bedeutung. An Hand des Teilnehmerkreises lassen sich auch schon erste, einfache Typisierungen von rituellen Handlungen vornehmen: je nachdem, ob ein Ritus im primären – engen – oder im sekundären – weiteren- sozialen Radius der Teilnehmer stattfindet, ob es sich also eher um private oder öffentliche Rituale handelt, variiert meist auch die Zielsetzung der rituellen Handlung. Während öffentliche Großkulte meist auf das Wohl der gesamten Gemeinschaft, z.B. eines Staates, abzielen, stehen bei Kulten im privaten Kreis häufig individuelle Wünsche wie Gesundheit, Fruchtbarkeit oder Schutz in bestimmten Situationen im Vordergrund. Die verschiedenen Zielsetzungen, die ein Ritual haben kann, hat Wallace versucht zu systematisieren, indem er alle rituellen Handlungen nach ihrem intendierten Ziel fünf verschiedenen Klassen zuordnete. Er unterschied zwischen technologischen Ritualen, die der Umweltbeherrschung dienen, therapeutischen, bzw. antitherapeutischen Ritualen, die die Gesundheit eines anderen verbessern oder verschlechtern sollen, sozialen Ritualen, die Empfindungen und Werte einer Gesellschaft prägen, sowie Erlösungsrituale und Revitalisierungen, die das gesamte Sozialsystem wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Wallace war es auch, der versuchte, die kleinsten Grundbestandteile ritueller Handlungen aufzulisten, aus denen sich alle Rituale in unterschiedlichen Kombinationen zusammensetzten.

Eine andere Typologisierung von Ritualen hat der Ethnologe Josef Franz Thiel vorzunehmen versucht, indem er vier Grundtypen ritueller Handlungen unterschied. Auch er orientierte sich bei seinem Schema an der Frage ‚Welches Ziel soll mit einem bestimmten Ritual erreicht werden?’. Das Ergebnis seiner Arbeit unterscheidet sich jedoch in augenfälliger Weise von dem Wallace: die vier Grundtypen Thiels sind wesentlich abstrakter und deshalb universaler gehalten, als die von Wallace. Die erste seiner vier Gruppen bilden die Apotropäischen Riten, deren Name sich von dem griechischen Wort apostrépein („abwenden") ableitet und die dazu dienen sollen, drohendes Unheil vom Einzelnen oder von einer sozialen Gruppe abzuwenden. Im Gegensatz dazu besteht die Aufgabe der Eliminationsriten darin, bereits in die Gemeinschaft eingedrungene Bedrohungen zu vernichten oder „zumindest zu bannen und aus der Gemeinschaft zu entfernen". Purifikationsriten sollen Menschen oder Dingen in einen Status der kultischen Reinheit versetzten und es ihnen damit ermöglichen, bestimmte Dinge zu empfinden oder Handlungen auszuführen. Die größte und best erforschteste Gruppe von Ritualen ist aber wahrscheinlich die der Übergangsriten. Allein durch die vielen Anlässe, zu denen diese stattfinden können, ist dieser vierte Grundtyp nach Thiel enorm heterogen und umfangreich. Übergangsriten können zum Wechsel der Jahrszeiten ebenso stattfinden, wie zum räumlichen Wechsel. Sie begleiten das menschliche Leben und teilen es in Abschnitte ein, indem sie zwischen bestimmte Alters-, Berufs- und Standesgrenzen eine Phase des Übergangs einfügen. Dass gerade dieser Ritentypus in der Forschung viel Aufmerksamkeit erfahren hat, ist vor allem Arnold van Gennep zu verdanken, der sich in seinem gleichnamigen Hauptwerk mit den rites de passage beschäftigte. Van Gennep begriff die ständigen Wechsel, die jedes Mitglied einer Gemeinschaft auf den unterschiedlichsten Ebenen durchläuft, von Ortswechseln bis hin zu Veränderungen in der Berufsgruppenzugehörigkeit, als eine Gefahr für die Ordnung des Soziallebens. Aus diesem Grund werden diese Veränderungen von bestimmten Riten begleitet, deren Aufgabe es ist, Störungen durch eine Steuerung und Kanalisierung dieser Prozesse abzuschwächen. Ihre Funktion ist also „die Kontrolle der Dynamik des sozialen Lebens." Diese Funktion erfüllen sie durch ihre Dreiphasenstruktur: die Trennungsphase soll vom alten Zustand oder Ort lösen, die Schwellenphase ist gleichsam ein Schwebezustand zwischen den Welten und in der Angliederungsphase findet die Vereinigung mit dem Neuen oder die Wiedervereinigung mit dem Alten statt. Bei genauer Analyse sei es sogar möglich, so van Gennep, die Übergangsriten in Trennungsriten (rites de séparation), Umwandlungsriten (rites de marge) und Angliederungsriten (rites d’ agrégation) zu gliedern. Sie alle können von komplexen rituellen Handlungen begleitet werden. In der Phase der Trennung steht oft der symbolische Tod der alten Existenz, der Untergang des alten Status im Mittelpunkt. Die häufig chaotische rituelle Dramatisierung der Verwandlungsphase findet dann anschließend in der Angliederungsphase zu einer Ordnung zurück. Dazu werden Praktiken vollzogen, die drauf zielen, die Gemeinschaft als Ganzes wieder neu zu begründen. Für denjenigen jedoch, der an einem solchen Ritual teilnimmt, bilden die einzelnen – auf wissenschaftlicher Ebene erkennbaren – Phasen eine Einheit. Die Kraft des Übergangsritus beruht gerade auf dem Zusammenspiel aller Elemente.

Die französischen Kollegen van Genneps, unter ihnen auch Marcel Mauss, ein Neffe Durkheims, unterschätzten die Bedeutung des Werkes „Les rites des passage" lange Zeit. Wesentlich positiver wurde van Genneps Hauptwerk von Anfang an in Großbritannien und den USA aufgenommen, wohl auf Grund der dort stärker empirisch ausgerichteten Wissenschaftstradition. Dies ist möglicherweise einer der Gründe dafür, dass die Gedanken aus den „Rites de Passage" lange Zeit vor allem durch die Vermittlung Viktor Turners in die Wissenschaftsdebatte eindrangen und diese anregten. Der aus Schottland stammende Sozialanthropologe hat den Ansatz van Genneps jedoch nicht nur aufgenommen, sondern auch an entscheidenden Stellen weiterentwickelt. Aus der strukturfunktionalistischen Schule kommend, entfernte sich Turner im Laufe seiner Studien vor allem mit den Ndembu immer mehr von deren Ansatz. Die soziale Funktion eines Rituals, die im Strukturfunktionalismus als Dreh- und Angelpunkt der Analyse gedient hatte, verlor zunehmend an Bedeutung für Turners Überlegungen. Wahrscheinlich waren es auch die persönlichen Erfahrungen, die er bei den Ndembu sammelte, die ihn zu dem Schluss brachten, das Ritual sei wesentlich Offenbarung. Es entsteht aus einer gesellschaftlichen Krise, die ihrerseits aus einem Konflikt zwischen der bestehenden Ordnung und den auseinanderstrebenden Wünschen der Individuen entstanden ist. Im Ritual bekommen die Mitglieder einer Gesellschaft in überschaubarem Rahmen die Möglichkeit, Machtverhältnisse und Sozialordnung auf den Kopf zu stellen und die Welt für einen Moment neu zu erschaffen. Chaos und Anarchie treten an die Stelle der üblichen Ordnung. Turner meinte, eine dramenähnliche Inszenierung dieser Rituale erkennen zu können und nannte solche Vorgänge deshalb „social drama". Dadurch, dass die Zerstörung der Ordnung ihren festen Platz in der Ordnung selbst bekommt, können Aggressionen kanalisiert entladne werden und die Gesellschaft kann sich im Ritual stetig erneuern. Seinen Höhepunkt findet diese dramatische Inszenierung laut Turner – und hier greift er auf van Gennep zurück - in der Schwellenphase. Turner nennt sie die ‚liminale Phase’ und legt darüber das „ethnologische Vergrößerungsglas" Die Liminalität ist der Moment, in dem die Struktur aufgehoben ist und in der nicht selten eine Umkehrung des üblichen Verhaltens stattfindet. In dieser Phase findet zum Beispiel bei Initiationsriten die Verwandlung der Teilnehmenden statt: eingeleitet durch Todessymbolik und beendet durch Geburtssymbolik bildet die liminale Phase einen Schwebezustand zwischen den Welten. In diesem Zustand bildet sich unter den Teilnehmenden eine Gemeinschaft der besonderen Art: die ‚communitas’. In dieser Gemeinschaft wird die Antistruktur – der Gegenpol zur normalen Ordnung - erfahren und damit erneut der Grundstein für gesellschaftliche Stabilität gelegt.

Zu den Ritualtheoretikern, die in jüngerer Zeit viel versprechende Analyseansätze entwickelt haben, gehört neben Cliffort Geertz vor allem auch Mary Douglas. Wie oben bereits deutlich wurde, ist ihr Ansatz vor allem für die Betrachtung des biblischen Jom Kippur-Rituals interessant und deshalb soll auch ihre Theorie hier kurz vorgestellt werden. Douglas verknüpft in ihrem Gedankengang den Begriff des Rituals eng mit dem der Ordnung, bzw. Reinheit. Bestimmte rituelle Handlungen – und dazu zählen hier auch Ge- und Verbote, die im Zusammenhang mit diesen stehen – mögen irrational, veraltet oder gar diskriminierend erscheinen. Mary Douglas ist jedoch davon überzeugt, dass sie nur deshalb so wirken, weil das Ordnungsschema, an dem sie sich orientieren, heute nicht mehr bekannt und relevant ist. Rituale und rituelle Vorschriften dienen dazu, Ordnung herzustellen oder zu erhalten. Ordnung entsteht dadurch, dass alles an dem ihm angemessenen Ort in der angemessenen Menge ist. Ist dieser Zustand gestört, ist es Aufgabe des Rituals diesen Missstand zu beheben und die ‚natürliche’ Ordnung der Dinge wieder herzustellen. Mary Douglas hat dies mit engem Bezug auf den Begriff der Reinheit erarbeitet: Dinge, die nicht an dem für sie angemessenen Ort sind, sind unrein. Was das nun konkret für Dinge sind, hängt von dem zugrunde liegenden Ordnungsschema ab, welches von Kultur zu Kultur variieren kann.

Hier soll der Schwerpunkt jedoch nicht so sehr auf dem Gedanken der Reinheit liegen, sondern auf den Handlungen, mit denen sie herbeigeführt wird. Wie auch die anderen vorgestellten Ritualtheorien soll im Folgenden auch der Ansatz von Mary Douglas daraufhin untersucht werden, inwieweit sie sich zur Erfassung des Jom Kippur-Rituals eignen. Die Frage wird sein, ob mit ihnen eine umfassende Beschreibung dieses Tages möglich ist oder ob manche Komponenten des Versöhnungstages durch das Raster der Ritualtheorien fallen könnten.