Ursprüngliche Bedeutung
Ursprünglich mag bei der Vorstellung von der durch die Menstruation verursachten Unreinheit das Blut eine wichtige Rolle gespielt haben. Blut selbst ist in der Tora nicht unrein, muß aber als Träger des Lebens besonders behandelt werden (z.B. Lev 3,17) und hat eine besondere kultische Bedeutung (z.B. Lev 4; 5,9). Als „Symbol" des Lebens steht es jedoch auch in engem Zusammenhang mit dem Tod: wo das Blut geht, geht auch das Leben, so dass die Menstruation als eine Art Ende eines Zyklus angesehen werden kann – wenngleich dieser freilich von neuem beginnen wird. Somit kann man die niddah als Zeit zwischen (symbolischem) Tod und (symbolischem) Neubeginn des Lebens ansehen. Möglicherweise liegt die damit einhergehende Unreinheit (bzw. das daraus folgende Verbot des sexuellen Kontakts) darin, dass während der „Todeszeit" keine lebensfördernden bzw. -erneuernden Handlungen – also Zeugung – stattfinden sollen. Möglich ist aber auch, dass die Unreinheit durch diese (symbolische) Todesnähe verursacht wird – der Tod und Totes sind eine der Hauptquellen von Unreinheit.
Diese Vorstellungen stehen natürlich eher im Hintergrund der Gesetze in Levitikus, weswegen auch nur Vermutungen über die eigentlichen gedanklichen Ursprünge der niddah angestellt werden können.
Wie bereits gezeigt wurde, spielt das niddah-Konzept sowohl im Sexualleben als auch bei der kultischen Reinheit eine Rolle; beide Bereiche sind voneinander zu trennen, was daran deutlich wird, dass das kultische Konzept seit der Zerstörung des Tempels 70 n. u. Z. sozusagen „brach" liegt. Dennoch, die eigentliche Bedeutung hat der niddah-Gedanke seit der Tempelzerstörung im Eheleben; das kultische Reinheitsdenken tritt zugunsten der Gesetze für die Zweierbeziehung in den Hintergrund. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: vielfach wird über eine „Familiengesetzgebung" gesprochen, doch dies ist mitnichten der Fall, da die Vorschriften aus Lev 15, welche von einer Übertragbarkeit der Unreinheit sprachen, dem kultischen Bereich entstammen; die Sexualgesetze aus Lev 18 und 20 dagegen sprechen nicht von einer Übertragbarkeit. Die Menstruation der Frau hat also lediglich auf das betroffene Ehepaar Auswirkungen und nicht auf Gegenstände oder andere Menschen!
Die dennoch seit dem 19. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung taharat ha-mischpachah ist, so mutmaßt Fonrobert, „orthodoxer Angst vor Assimilation und Identitätsverlust" zuzuschreiben.
Eine weitere Bedeutung, welche dem niddah-Konzept erst in neuerer Zeit zugekommen ist, ist das eines besonderen „Frauenrituals"; dies ist besonders in den USA und dort auch durchaus in konservativen und liberalen Kreisen und hier besonders bei jüngeren Frauen zu beobachten. Hier steht zunehmend die weibliche Spiritualität und die Rückbesinnung auf spezifisch Weibliches im Vordergrund. Auch das „Wohlfühlen" der Frau bei ihrem Besuch in der mikweh ist wichtiger geworden; so erinnern viele mikwaot in Amerika mittlerweile schon beinahe an „Wellness-Center".
Während also im konservativen und liberalen Milieu Spiritualität und Weiblichkeit eine wichtige Rolle spielen, handelt es sich bei der Einhaltung der niddah-Vorschriften für die Orthodoxie vor allen Dingen um eine Mitzwah von besonderer, ja, „essentieller" Bedeutung. Allerdings schließt dies die ideelle Erweiterung der Rituale natürlich nicht aus.
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