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Vor- und Nachteile

Nachdem das Konzept der niddah nun auf seine historischen Wurzeln hin betrachtet und mehr oder weniger abstrakt erläutert wurde, sollen nun die Vor- und Nachteile, welche die Einhaltung dieser Gesetze für die Frauen haben können, kurz geschildert werden. Dieser Zusammenstellung liegen sowohl die jeweils genannte Literatur als auch die Befragung zugrunde.

Vorteile

Beziehung

Immer wieder erwähnen befragte Frauen die Vorteile, welche die Einhaltung der niddah für ihre Beziehung hat.

Einerseits steigert das Verbot des geschlechtlichen Umgangs die Freude der Partner nach Ende der Unreinheitsperiode aufeinander, so dass die Beziehung regelmäßig „erneuert" wird und man „monatlich wiederkehrende Flitterwochen" erleben kann. Der Talmud begründet die sieben „weißen Tage" sogar mit der Absicht, das Interesse der Partner füreinander zu erhalten. Andererseits fördert das Verbot körperlicher Kontakte andere Kommunikationsformen zwischen den Partnern, so dass die körperliche Distanz zu einer emotionalen und geistigen Annäherung führen kann. Hinzu kommt, dass auch Männer über den biologischen Zyklus ihrer Frau bestens informiert sind und sich entsprechend auf sie einstellen können. Gleichzeitig können sich die Partner nicht gegenseitig als frei verfügbares „Eigentum" und Gegebenes betrachten, sondern lernen eben durch das temporäre Verbot, den anderen zu berühren, gerade dessen Wert schätzen.

Schließlich empfinden viele Frauen die religiöse Dimension, die ihre Sexualität auf diese Weise erhält, als Bereicherung.

Jüdische Identität

Ein anderer häufig genannter Vorzug der Einhaltung der niddah-Gesetze ist der, dass gerade das Ritual des mikweh-Besuchs als „Verbindungsmöglichkeit" zu anderen Frauen zu verschiedenen Zeiten an allen Orten empfunden wird. Greenberg zitiert einige Frauen, die dies beispielhaft verdeutlichen: „Als ich das erste Mal untertauchte, konzentrierte ich mich darauf, wie mich diese Handlung mit Generationen von Frauen verband." „Die Jüdinnen in Masada benutzten eine mikweh." „Jedes Mal wenn ich die mikweh benutze, fühle ich, dass ich zum Kern des Judentums und zu meiner eigenen Mitte zurückkehre." „Ich fühle mich all den Frauen, die ebenfalls die mikweh benutzen, nahe. Wir teilen alle Arten von unausgesprochenen Geheimnissen miteinander; immerhin zelebrieren wir unsere Körper, unsere Sexualität, unsere erneuerbaren Kräfte auf die gleiche Weise…"

Ähnlich äußerten sich auch zwei der von mir befragten Frauen.

Eigene Identität

Daneben gibt die niddah sowohl der Frau als auch dem Mann die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren, ohne dass dies vom Partner als Zurückweisung verstanden wird. Damit einhergeht, dass man lernt, sich selbst zu beherrschen und seine Triebe zu kanalisieren. Außerdem kennt sich eine niddah praktizierende Frau mit ihrem eigenen Körper und ihren Zyklen gut aus, was ein diffuses, aber beruhigendes Gefühl, dass man Unregelmäßigkeiten und Krankheiten schnell bemerken würde, zur Folge hat. Zudem förderten die niddah-Regeln das bewusste und spirituelle Leben überhaupt.

Schließlich wird die niddah vielfach als erholsam empfunden; die mikweh wird zum „luxuriösesten Kurhaus der Welt".

Nachteile

Beziehung

Die Nachteile stehen den Vorteilen wie ein Spiegelbild gegenüber; was die Eine als hilfreich empfindet, quält die Andere. So wird gerade das strikte Verbot des sexuellen Umgangs miteinander vielfach auch zum Problem; natürlich sehnt man sich manchmal nach körperlichem Kontakt, umso mehr, wenn man schwere Zeiten (Krankheiten, Todesfälle, etc.) oder glückliche Momente (Geburt, etc.) durchlebt. Interessanterweise äußerte sich zu diesem Punkt aber eine der von mir befragten Jüdinnen dahingehend, dass Umarmungen und andere tröstende Zärtlichkeiten für sie Teil dessen sind, was zur pikuach nefesch, also dem im Judentum als übergeordnetes Prinzip betrachteten „Erhalt des Lebens", gehört und also Vorrang vor der Einhaltung der niddah-Regeln hat.

Auch die von einigen Frauen als „Flitterwochen" bezeichnete Freude aufeinander wird nicht von allen so empfunden, denn auf der anderen Seite geht die Spontaneität verloren, wenn der Geschlechtsverkehr so fest geplant und selbstverständlich wird; zudem möchten viele Paare die kurze für die Sexualität zur Verfügung stehende Zeit bestmöglich nutzen, was mitunter als anstrengend erlebt wird.

Identität

Viele Frauen sind peinlich berührt, wenn andere Menschen von ihrer niddah erfahren, was sich aber natürlich nicht immer vermeiden lässt. Außerdem passt der eigene Zeitplan nicht zwangsläufig mit dem eigenen Zyklus und den Öffnungszeiten der mikweh überein, zumal dem Besuch dort ja in der Regel auch einige Vorbereitungen zuhause (Reinigung) vorausgehen. Daher ist die Einhaltung der niddah-Gebote für viele Frauen in erster Linie stressig, zeitintensiv und wenig erholsam. Hinzu kommt die Frage, ob zwei Partner in einer funktionierenden und gleichberechtigten Beziehung tatsächlich eine „verordnete" Pause benötigen oder ob es nicht, wie eine der befragten Frauen sagte, eine Selbstverständlichkeit ist, dass man einander auch die von Zeit zu Zeit notwendige und gewünschte „Ruhe" gewährt!? Dieselbe Person sieht sogar die weibliche Identität geschwächt, da eine als nötig vorgestellte Reinigung von Unreinheit, selbst wenn diese „nur" kultischer Art ist, von ihr als demütigend empfunden wird.