Die Offenbarung der Tora und der Bundesschluß am Sinai

Moses mit Gesetzestafeln - Chagall

1. Das größte Werk der Fürsorge Gottes für Israel und das Men­schengeschlecht, das heilvollste Ereignis in der Geschichte der Menschheit ist die Offenbarung am Sinai. Gott offenbarte sich Israel unmittelbar. Es gefiel der Allweisheit Gottes nicht, einen an Israel zu senden, der da sprach: Das hat mir Gott geoffenbart, so dass Zweifel an der Wahrheit seiner Sendung bleiben konnten. Nein, sechshunderttausend reife, vollsinnige Männer, Moses ihr Anführer, nicht auf dem Berge, sondern in ihrer Mitte, vernahmen die Tora von Gott. Darin liegt die unantastbare Bürgschaft ihrer Wahrheit.

Auch nicht unfreiwillig und unvorbereitet empfing Israel die Tora. Gott ließ ihnen vorher die volle Tragweite der Verpflich­tung ankündigen, die sie übernahmen, wenn sie den Bund der Väter jetzt durch Übernahme der Tora erneuerten; sie müssten ihm ganz angehören, ihm ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk werden. Als das ganze Volk hierauf einmütig gelobt hatte, alles zu tun, was Gott gesprochen, gab ihnen Gott noch drei Tage zur Vorberei­tung, dann erst verkündete ihnen Gott unter furchtbaren Erschei­nungen folgende zehn Worte  (die Zehngebote):

 

I. Ich H' sei Dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten her­ausgeführt, aus dem Sklavenhause. (Erklärung siehe 1,1.)

II. Du sollst keine anderen Götter anerkennen außer mir. Du sollst dir kein Bild machen, noch irgend eine Darstellung von dem, was im Himmel oben, oder auf der Erde unten, oder im Wasser unter der Erde ist; du sollst dich vor ihnen nicht bücken und sollst ihnen nicht dienen; denn ich, H'  dein Gott, bin ein sein ausschließendes Recht fordernder Gott; ich gedenke der Sünde der Väter den Kindern ins dritte und ins vierte Geschlecht, denen die mich hassen; ich übe aber Liebe mit dem tausendsten Geschlecht mit denen, die mich lieben und meine Gebote halten. (Erklärung siehe 1, 3; 18‑20).

III. Du sollst den Namen Gottes, deines Gottes, nicht zum Vergeblichen aussprechen, denn Gott lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen zum Vergeblichen ausspricht. (Erklärung siehe 26‑29)

IV. Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen. Sechs Tage arbeite und verrichte all dein Werk; der siebente Tag aber ist Sabbat Gott, deinem Gotte; da sollst du keinerlei Werk verrichten, weder du selbst, noch dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, dein Vieh und dein Fremdling, der in deinen Toren ist. Denn in sechs Tagen hat Gott geschaffen den Himmel und die Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebenten Tage; darum segnete Gott den Sabbattag und heiligte ihn. (Erklärung siehe 54‑56.)

V. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit lange dauern deine Tage auf dem Boden, den Gott, dein Gott, dir gibt. (Erklärung siehe 74‑76.)

VI. Du sollst nicht morden. 

VII. Du sollst nicht ehebrechen. 

VIII. Du sollst nicht stehlen. 

IX. Du sollst nicht aussagen wider deinen Nächsten als Lügenzeu­ge.  

X. Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten. Du sollst nicht begehren das Weib deines Nächsten, auch nicht seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel, noch irgendetwas, was deines Nächsten ist. 

 

3. Durch die furchtbaren Erscheinungen, von welchen die Offenba­rung der zehn Worte begleitet war, und weil Israel wahrgenommen, dass Gott sich Moses offenbarte, war das Volk zu der festen Überzeugung gekommen, dass Moses berufen sei, ihnen die Tora mitzuteilen. Sie gelobten darum freiwillig, allem, was Gott ihnen durch Moses mitteilen werde, ebenso zu gehorchen, wie dem, was sie von Gott unmittelbar gehört hatten. Darauf schloss Gott am Sinai mit Israel einen Bund, der, wie der Bund mit Abraham, auch alle künftigen Geschlechter umfaßt. Der Inhalt dieses Bundes ist: Israel wird an der Tora festhalten, Gott wird Israel seinen besonderen Schutz und Beistand verleihen, beides auf ewige Zeiten ‑ also die Ewigkeit Israels und der Tora.